Alltag in der Krise

von Chrissi K.

Alltag - (k)ein Spaziergang
Alltag - (k)ein Spaziergang

Was hat die Krise für uns hier in Curahuasi bedeutet?
Schon Mitte März wurden landesweit alle Schulen geschlossen. Von einem Tag auf den anderen blieben die Jungs zuhause und ich konnte nicht mehr arbeiten gehen.
Anfangs stellten wir uns mithilfe von Lük-Kästen, Lernaufgaben-Büchern, der Anton-App und dem Deutsch-Fernschulmaterial eigene Schul-Vormittage zusammen. Dann begannen die Lehrer, Aufgaben digital zu verschicken, die wir uns drucken und gemeinsam bearbeiten konnten. Seit Ende April gibt es ein gut ausgearbeitetes System: Die Lehrer bereiten 3-wöchige Projekte vor. Die Arbeitsblätter werden jeweils am ersten Montag des neuen Projekts mit einem umgebauten Bus ausgefahren. Es gibt eine ganze Reihe Stellen in und um unseren Ort, an denen der Bus hält. Von dort können die Projekte abgeholt werden. So haben alle Schüler des Colegios die Chance, an Lernmaterial zu kommen und ihr Schuljahr fortzuführen. Das System wurde sogar vom Ministerium für Bildung anerkannt! Im Gegensatz zu beinahe allen anderen Colegios des Landes werden unsere Schüler das Schuljahr abschließen dürfen, denn voraussichtlich werden die Schulen bis Dezember (also für den gesamten Rest des laufenden Schuljahres) geschlossen bleiben.

Jetzt sitzen wir also täglich gemeinsam am großen Tisch und bearbeiten die Fächer Deutsch, Mathe, Comunicación (das Pendant zu Deutsch in Deutschland) und Ciencia y Technología (wörtlich „Wissenschaft und Technik“) und Religion. Die Kinder füllen nicht nur Blätter aus, sie machen auch Versuche oder sollen Dinge aus Abfall basteln, Texte verfassen, Bilder malen und das meiste davon am Ende der Woche per Video präsentieren. Etliche der Aufgaben erfordern ein großes Maß an Kreativität und wenn wir dann die Ergebnisse bekommen, freuen wir uns gemeinsam über das Erreichte. Um ganz ehrlich zu sein – Homeschooling war in meiner Vorstellung immer ein No-Go. Aber erstens kommt es anders… Und man wächst doch immer wieder mit seinen Aufgaben! Ich bin positiv überrascht (und trotzdem mächtig erleichtert, wenn diese Zeit vorbei sein wird :-D )

Approbation für das Colegio Diospi Suyana
Material-Bus

Nachmittags dürfen Kinder sich im Umkreis von 500 m um das Zuhause für 30 min bewegen (mit Maske). Das versuchen wir auszunutzen. (Noch nie hat uns allerdings ein Polizist nach der Anzahl der Minuten oder Meter gefragt.) Zusätzlich haben wir den großen Garten um das Haus, für den wir in diesen Zeiten umso dankbarer sind! Ansonsten sind heiß geliebte „Waffen“ Papier, Schere, Stifte und Kleber, aus denen alles mögliche entsteht.

Da ich ja momentan zuhause bei den Kindern bin, arbeitet Markus in Vollzeit am Hospital. Gott sei Dank ist die befürchtete Welle bisher ausgeblieben, im Hospital behandelt wurden bisher nur eine Handvoll Covid-Fälle.

(Weltweit fällt übrigens auf, dass in Gegenden über 2500 m Höhe das Virus nicht so stark grassiert. Für mich eine ganz besondere Bewahrung unserer Region hier!)
Nachdem Familie DeHaan ihren Dienst hier beendet hat, ist ein Techniker weniger im Team, das bedeutet für Markus und seine beiden Kollegen ein breiteres Aufgabenspektrum.

Wie wir bereits im letzten Beitrag kurz angerissen haben, hat der Lockdown in der gesamten Wirtschaft des Landes, aber vor allem bei der armen Bevölkerung größte Schäden angerichtet. Etliche Tiendas (kleine Läden) und Restaurants im Familienbetrieb wurden geschlossen. Familien, die ohnehin schon am Existenzminimum lebten, wurden durch den Verlust ihrer Arbeit noch tiefer in die Armut gerissen und verloren teilweise ihre Wohnräume oder hatten kein Geld mehr für Nahrung und Hygiene. Im Angesicht dieser Not taten sich einige Missionare zu einer Arbeitsgruppe zusammen. Sie haben (mit der Hilfe von einheimischen Kollegen oder Nachbarn) eine Liste von Familien zusammengestellt, die es besonders schwer getroffen hat. Jede dieser Familien wird persönlich besucht und deren Situation angeschaut. Danach bekommen sie praktische Unterstützung mit Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln. Das ist viel Arbeit, aber ein höchst wertvoller Dienst direkt in der Situation der Not! Längst können wir jedoch nicht allen auf diese Weise helfen...

UPDATE

Ab dem 1. Juli war die Quarantäne landesweit gelockert worden. Es ging uns das Herz auf, als wir sahen, wie glücklich die Jungs waren, das erste Mal wieder mit anderen Kindern zu spielen! Auch Reisen war wieder erlaubt, was vielen Leuten, die Mitte März vom kompletten Lockdown überrascht worden waren, die Möglichkeit gab, zu ihren Familien zurückzukehren. Als der erste Bus aus Lima hier ankam, wurden von 60 Reisenden 18 positiv auf Corona getestet.
Kurzum: Mit den Reisenden hatte das Virus gute Chancen, sich noch weiter zu verteilen. Ende Juli wurde die nächste Quarantäne angekündigt und Mitte August nochmal verschärft. Ausdrücklich sind jetzt „schwarz auf weiß“ auch private Besuche untersagt. Aktuell nehmen auch hier im Ort, wo es lange auffallend ruhig war, die Fallzahlen zu. Viele stehen die Krankheit zu Hause durch, aber einige müssen doch im Hospital behandelt werden. (Siehe Blogbeitrag von Markus).

Zusammengefasst gibt es viel zu tun, sind die Kinder normalerweise fröhlich aber vermissen es, mit Kameraden zu spielen und sind wir langsam von der Quarantäne etwas mürbe. Sehr herausfordernd ist die Tatsache, dass kein Ende in Sicht ist, auch keine Erholungspause. (Wohin sollte man fahren, um sich zu erholen – alles ist dicht…)

Zurück


Lass uns Brieffreunde werden!

Melde dich zu unserem Newsletter an

Wir halten dich gerne per Mail über unsere Arbeit in Peru auf dem Laufenden. Du kannst Dich jederzeit abmelden.