Ein Jahr

von Chrissi K.

Emanuel im Flugzeug

Am Anfang der Herbstferien beschlossen wir, eine der zahlreichen Aufführungen von Adonia zu besuchen. Titel der diesjährigen Herbsttournee: Herzschlag. Wir informierten uns, an welchen Terminen wir meine beiden Brüder und meine Schwägerin als Mitwirkende auf der Bühne sehen konnten und entschieden uns für den Mittwochabend – 31.10.2018.

Gute Plätze bekommen – Verwandte begrüßt – Vorfreude – kurz nochmal aufs Klo flitzen.
Plötzlich schoss mir ohne Vorwarnung der Gedanke durch den Kopf: Heute vor einem Jahr habe ich den Tumor entdeckt. Heute vor einem Jahr war der Tag, an dem alles anders wurde.
Wieder zurück im Saal flüsterte ich Markus diese Info ins Ohr. Ein kurzer Blick, ein Nicken mit ernsten Augen.

Dann ging es los. Licht aus, Musik an. Thema: Lazarus. Und die sowieso schon tiefen Textzeilen erzählten Teile unserer Story und rührten uns in vieler Hinsicht tief.

Ein Beispiel war das erste Lied:

©Adonia Deutschland, mit freundlicher Genehmigung

Wenn auf einmal alles anders ist,
wenn du plötzlich nicht mehr funktionierst
und wenn nichts mehr selbstverständlich ist,
merkst du, wie das Leben wirklich wertvoll ist.

Jeder Herzschlag ist ein Geschenk!
Jeder Herzschlag ist ein Geschenk!

Ganz genau so ist es. Es läuft alles wie immer. Man weiß, was man hat und was man kann, bis plötzlich…

...alles anders ist.

Wir haben beschlossen, diesen Musical-Texten einen gesonderten Beitrag zu widmen.

Aber einer ändert sich doch nie! Er ist da, fühlt mit, hört zu, hält aus, tröstet, stärkt, heilt, beschenkt, versorgt und verändert! Hat alles im Blick, hat den großen Plan. Lenkt Wirkungen und Nebenwirkungen, Ergebnisse und Fortschritte, Heilung und Genesung.
Und für jeden von uns ist jeder Herzschlag ein Geschenk. Ich wage zu behaupten, dass man das nach einer existenziellen Bedrohung noch mal ganz anders zu schätzen weiß. Für mich gilt das so jedenfalls.

Ein Jahr – das ist eine lange oder eine kurze Zeit, ganz wie man es betrachtet.
Ich habe hier von unserem vergangenen Jahr mal die „Eckdaten“ zusammengetragen:

November 2017

Abschied in Cusco

Gesicherte Diagnose: Krebs. Chrissi fliegt nach D zurück zur umfassenden Diagnostik und OP.

Dezember 2017

Wieder zurück: Drei glückliche Männer

OP, Überraschend der zusätzliche Befund „Lymphknotenbefall“. Zweite OP.
Rückflug nach Peru zur wartenden Family. Weihnachten und Neujahr: Erholung.

Januar 2018

Bisher noch ausstehende Untersuchungsergebnisse raten deutlich zur Chemotherapie. Koffer packen und Heimflug nach D gemeinsam.

Februar 2018

Stolzer 1½-Klässler

Einzug in ein schönes Häuschen zur Miete, Quereinstieg Johannes in die erste Klasse. Beginn Chemotherapie. Mäßiger Allgemeinzustand, jedoch zu ertragende Nebenwirkungen.

März 2018

Johannes und „seine“ Mön

Chemo, Ende des Monats starker Infekt mit Klinikeinweisung.
Die beiden Jungs bekommen über einen Förderverein (Sonnenstrahlen e.V.) therapeutisches Reiten finanziert, das sie bis Ende des Jahres wöchentlich mit großer Freude besuchen werden. Was für ein Segen, vor allem als sich herausstellt, dass die Therapeutin gläubig ist.

April 2018

Weiterhin Chemo...

Mai 2018

Chemo; Ende des Monats eine sehr schöne Woche Urlaub in der Ferienwohnung von Freunden.

Juni 2018

Abwarten... und Sitzen im Garten

Lange Chemo-Pause wegen miserabler Blutwerte.

Juli 2018

Umstellung auf wöchentliche Chemotherapie zur besseren Verträglichkeit, noch unfassbare neun Gaben liegen vor mir. Wird das je vorbei gehen?
Ende Juli heftiger Magen-Darm-Infekt im Haus. Alle meine drei Männer sind schachmatt, aber wie durch ein Wunder bleibe ich komplett verschont und das mit miserablem Immunsystem!

August 2018

Lange und heiße Sommerferien, viele der Tage sind eher zum Aushalten als zum Genießen da. Trotzdem sind doch immer wieder gute dazwischen, die wir für schöne gemeinsame Ausflüge nutzen können. Ende des Monats eine Woche Urlaub in der Region meiner Eltern. Zum ersten Mal seit langem stehen wir dort vor zwei Gemeinden (die uns vor einem Jahr zuletzt gesehen haben). Es ist uns ausdrücklich wichtig, Gott die Ehre zu geben über unseren vergangenen Monaten und zu betonen, dass er treu ist und seine Versprechen hält – auch im Tal. Als wir wieder auf unseren Stühlen sitzen, muss ich denken: „Wir sind wieder im Rennen!“ Es war kein schönes Gefühl, diese lange Zeit im Off zu verbringen.

September 2018

Es ist wichtig, den Humor nicht zu verlieren

Die Blutwerte sind im Keller, daher entfällt die letzte der neun Chemo-Gaben. Unverhofft knallt das so herbeigesehnte Chemo-Ende früher als erwartet gegen meinen Kopf. Mit dem Entlassbrief in der Hand stehe ich in unserer Küche und weiß nicht was ich denken soll. Es dauert nach dem monatelangen „Gedreht-werden“ in dieser Mühle einige Tage, bis ich mich richtig freuen kann!
Drei Wochen später sind alle meine Blutwerte bis auf einen einzigen wieder im Normbereich und ich muss endlich nicht mehr wöchentlich zur Blutentnahme gehen.

Oktober 2018

Reichlich Sport

Drei Wochen Reha. Eine absolut gesegnete und heilsame Zeit für mich. Ich bin so dankbar, dass ich das nutzen konnte! Ich komme nach Hause und bin von der körperlichen Fitness her eindeutig auf meinem Höhepunkt der vergangenen 12 Monate.

November 2018

Zeit, erneut an unseren Abschied aus Deutschland zu denken. Langsam entstehen wieder Listen mit Papieren, die wir noch benötigen, ToDos mit diversen Ämtern und Shoppinglisten mit Dingen, die wir noch besorgen sollten. Das Reisebüro unseres Vertrauens klemmt hinter dem Monitor, um für uns einen geeigneten Flug zu finden und zu buchen. Und wir haben das große Glück, im November den Vorbereitungskurs der Kontaktmission besuchen zu können – das war vor unserer ersten Ausreise zeitlich nicht mehr möglich.

Dezember 2018

Ein Untersuchungs-Marathon war nochmal angesetzt. Mit einer gewissen Unsicherheit habe ich die Ergebnisse abgewartet. Wird alles in Ordnung sein mit Bildern und Werten? Ergebnis: Wir sehen, dass wir nichts sehen :-) . Also sehr gut! Aber ehrlich gesagt: Wir wissen auch, dass wir nichts wissen. Schließlich kennt niemand die Anzahl seiner Tage. Über meine gibt es nun Statistiken. Aber nur einer weiß, welcher der zwei Gruppen ich zugehöre, die durch eine Prozentzahl voneinander getrennt sind. Mein Leben steht in seiner Hand – und jeder Herzschlag ist ein Geschenk!

Das ganze Jahr über hatten wir das Fernziel „Rückkehr nach Peru“ im Blick, jedoch immer mit der Bitte an Gott: „Wenn du uns wieder drüben haben möchtest, lenke du alles, was nötig ist. Wenn es nicht sein soll, sag es bitte klar und deutlich.“
Bis heute haben wir keine gegenteilige Anweisung bekommen. Im Gegenteil: Wieder läuft so gut wie alles rund. Der größte Teil an Planung steht und wir machen es genau wie bei unserer ersten Ausreise: Wir vertrauen ihm voll und ganz – er wird uns richtig leiten.

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