Es muss auch ohne And(e)ré gehen

von Markus K.

April: André und ich

Auf dem Display meines Handys erscheint eine neunstellige Nummer. Ich denke nochmal über die Tageszeit nach, um korrekt zu grüßen. „Buenos días“ – es ist noch vormittags.
Meist kennt der Anrufer meinen Namen, ich (noch) nicht. „Hola Markus, una consulta...“, was so viel heißt wie „Halt dich fest, hier ist eine neue spannende Aufgabe, mal wieder den Sherlock zu spielen, um ein Problem in irgendeiner der rund 20 Abteilungen zu lösen.“

In einfachsten Fällen ist irgendein Kabel nicht eingesteckt, handelsübliche Batterien sind leer, es lässt sich mit Zweikomponentenkleber beheben oder irgend ein unbekanntes Wesen hat über Nacht eine Einstellung geändert. Doch in der Regel wird es kompliziert. Und es ist die Kunst, möglichst nichts unnötiges an den undenkbar vielen Medizingeräten zu zerlegen, die sich in den letzten 10 Jahren im immer größer werdenden Hospital Diospi Suyana angesammelt haben.

Ein paar Beispiele, wie sich meine Arbeitstage füllen.

Dinge werden widerwillig: Eine Waage will nichts brauchbares mehr messen; ein spezielles Netzteil eines Blutanalysegerätes wurde „lebensmüde“; ein Beatmungsgerät liefert falsche Druckwerte; ein OP-Mikroskop möchte sein Ersatz-Leuchtmittel nicht einschalten; ein Transparentfilmdrucker aus der Radiologie will keine Röntgenbilder mehr ausspucken – ein Destilliergerät kein Destillat; ein motorisierter Untersuchungsstuhl verweigert, den Patienten wieder zurück auf den Boden zu bringen;

ein Zahnarztstuhl behält Licht, Luft oder Wasser für sich und Kabel jeglicher Art sind irgendwann einfach nicht mehr so kontaktfreudig wie in ihrer Jugendzeit.

UN-wohl temperiert: Ein Labor-Wärmeschrank ist zu kalt, ein Labor-Kühlschrank nicht kalt genug, einer der großen Dampfsterilisatoren im OP wird zu heiß, ebenso ein Baby-Inkubator, glücklicherweise 100 °C darunter und die Solar-Heizungsanlage ist an heißen Tagen „kurz vorm überkochen“.

Maschinen entwickeln ein Eigenleben: Der C-Bogen (intraoperatives Röntgengerät) möchte auch ohne Betätigung mit seiner umwerfenden Ausstrahlung hilfreich sein; der Geldscheinscanner der Zentralkasse behauptet plötzlich, sein Gedächtnis für Scheine verloren zu haben; ein Patientenmonitorsystem verstellt sich regelmäßig selbst nach eigenen Vorlieben und eine Waschmaschine hat sich in seinen Inhalt verliebt und die beiden haben die Tür von innen verriegelt.

Geräte-Inkontinenz: Eine Pfütze bildet sich unter der Osmoseanlage im Blutlabor; ein Handteil am Zahnarztstuhl nässt auf den Patienten, eine Linsen-Schleifmaschine der Optik-Werkstatt „macht mir über die Hose“ und der Computer des Computertomographs überträgt seine Daten nur tröpfchenweise an die Bildarchivierung.

Glanz-Momente: Neugeräte, meist über die Container aus Deutschland, meist gespendet, werden ausgepackt, aufgestellt und in Betrieb genommen.

Während ich das schreibe, kommt es mir so vor, als wäre mein Arbeitsplatz umgeben von defekter Ausstattung. Der Schein trügt, denn das Gelände ist groß. Wenn ich meinen Koffer ungewöhnlicher Werkzeuge schließe, hinterlasse ich meist fröhliche Mitarbeiter, die ihr Handwerkszeug wieder für möglichst lange Zeit weiterbenutzen können. Nicht selten organisiere ich Ersatzteile oder Neugeräte und bitte Firmen, uns Waren oder Dienstleistungen zu spenden, was viele von der Sache überzeugt bereitwillig tun.

Vieles können wir wiederbeleben

Bei mir sind es kleine Geräte und große Maschinen, die wir für unsere Arbeit benötigen. Drei Räume weiter sind es Patienten, Menschen in mehr oder weniger kritischen Lagen, deren Lebensqualität wir wieder-beleben wollen. Und jeden Morgen stehen fast alle Teile unserer Klinik still, weil wir in unserer allmorgendlichen Patientenandacht versuchen, etwas noch wichtigeres wiederzubeleben: Einen Glauben, der in einem Land voller Not und Schwierigkeiten plötzlich einen unschätzbaren Wert bekommt und alle unsere medizinischen Möglichkeiten und Erfolge weit hinter sich lassen soll. Wenn rund 150-200 teils weitgereiste Menschen den Worten meines Kollegen und amerikanischen Kinderarztes zuhören, nicken sie an einer bestimmten Stelle, welche eine der besten Momente meines Tages ist. Regelmäßig erklärt er, dass all unsere Behandlung, eine OP oder ein gutes Medikament ein Leiden womöglich vollständig heilen kann, das aber völlig wertlos ist, wenn wir die wichtigste Frage des Lebens nicht geklärt haben.

Doch was hat es mit der Überschrift auf sich?

Seit Anfang April hat mein Kollege André seinen Dienst hier nach mehreren Jahren nun beendet und ich habe seitdem nach sehr kurzer Einarbeitungs- und Übergabezeit die Abteilung der Medizintechnik alleine inne. Fast hätte ich „Nachruf“ über diesen Text schreiben wollen, aber ich möchte auch nicht übertreiben...

Weil Chrissi auch arbeitet, bin ich mit 24 Wochenstunden veranschlagt, damit genug Zeit für die Familie bleibt. Das ist sehr knapp bemessen für einen Job dieses Ausmaßes und relativ häufig sind es eine Handvoll mehr Stunden pro Woche. Auf meiner Wunschliste steht Verstärkung für meinen Bereich und wenn alles gut geht, dann bahnt sich da gerade etwas positives an. Je mehr „goldene Hände“, desto besser.

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