Es wurde einen Moment still (auch hier)

von Markus K.

Ausreise Nummer Zwei

Mir wurde es warm und eng um meinen Hals. Meine Frau zeigte erstarrt die „Kehle-durch-Handbewegung“ mit dem Daumen, während sie sich für ein Telefonat auf unser Bett gesetzt hatte. Unsere Gynäkologin des Vertrauens aus der eigenen Projekt-Klinik rief uns eines Morgens Mitte November den Tränen nahe an und verkündete ein mit Unbehagen erwartetes Ergebnis. Sie stammelte eine Spalte aus dem Pathologie-Befund einer kürzlich entnommenen Stanzbiopsie.

„Chrissi, ich mach es kurz: Es ist beides bösartig“. Meine Frau hatte Brustkrebs – mit 32. Selbst entdeckt durch einen denkwürdigen „Zufall“ in der Küche. Gott sei Dank tastbar gelegen und im zwei Stunden entfernten Hospital Diospi Suyana sofort biopsiert. Wir hatten die kleinen Fetzen in Formalin selbst nach Cusco in ein Labor gebracht, welches die Proben dann in Lima hatte untersuchen lassen. Kühle Mediziner-Transporttätigkeit mit einem lebensverändernden Stück Selbst im Gepäck.

Nach der mehr als eindeutigen Geste rutschte ich mit dem Rücken an der Wand in die Hocke und starrte zu Boden. Warum? Wir hatten alles hinter uns gelassen, um irgendwo im Nirgendwo ein neues Leben zu beginnen. Für eine gewisse Zeit zumindest. Ohne Selbstzweck. Wir haben uns Mühe gegeben, während der ganzen Vorbereitung möglichst viele in unseren Gedankenprozess, ja sogar Glaubensweg hineinzunehmen. Unsere Ausreise hat in letzter Minute in einem großen Knall gerade so funktioniert. Die meisten wichtigen Dinge hatten wir auch nicht vergessen. Und nun schien das alles vor einer Wand. Die Vorderachse über dem Abgrund. Ich weiß nicht warum, aber Chrissi kam in diesem Moment keine Träne. Auch sie wurde sehr ruhig und wir schauten uns nur ab und zu flüchtig in die Augen. Fünf Minuten später entschied ich mich für eine Haltung gegenüber der Situation, die uns wohl heute zu dem gemacht hat, was wir sind.

„Jetzt ist Krieg!“ – ich versuchte zu erklären, dass es nicht von ungefähr kommt. Wir hatten Entscheidungen getroffen. Entscheidungen in einer Nische gewöhnlicher Tätigkeiten. Irgendwohin über den Ozean. Wir wussten von Anfang an: Das könnte gefährlich werden. Wir glauben an einen ewigen Kampf von Gut und Böse. Himmel und Unterwelt. Es würde hart werden und nun waren wir mittendrin.

Weitere fünf Minuten später packten wir wie gewohnt unsere Sachen für einen weiteren Tag Sprachschule. Die erste Stunde war irgendwie zu überleben, aber in der zweiten hatten wir das Castellano-Futur – die Zeitform, um Wünsche und Pläne in der Zukunft auszudrücken. Wir konnten nicht mehr. Die Aufgabe lautete, Formulierungen zu finden, was wir wohl in einem Monat, einem Jahr machen würden. Wir brachten merkwürdige Sätze heraus, hinter denen wir selbst nicht mehr standen: Wer sollte wissen, was morgen kommt, in einem Monat, in einem Jahr? Eine Ausweglosigkeit machte sich breit und wir brachen die zweite Stunde an diesem Morgen ab. Es machte etwas mit den Menschen, die uns gegenüber saßen. Wir haben ein unglaublich festes Verhältnis zu unseren Sprachlehrerinnen seit diesem Tag. Wir haben neue Freunde am Ende der Welt, mit ihren eigenen Nöten, und wir erzählten von unserem Glauben an etwas Höheres, das immer wieder in Form von leisen Ermutigungen in Erscheinung trat.

Um hier mehrere Gänge heraufzuschalten und die Geschichte nicht im Schneckengang zu erzählen:
Wir baten das Hospital-Team aus Curahuasi um Gebetsunterstützung. Wir hatten einen letzten Abend mit etwas gedrückter Stimmung und auch mit unterschiedlichen Haltungen zum Thema Heilung. Dazu hatten wir aufgerufen. „Bitte betet mal «geschäftsschädigend».“ Alle haben das gewagt und ihr Vertrauen diesem Gott ausgesprochen, der auch maßgeblich das Hospital selbst durch seine verwunderlichen Fügungen zu verantworten hatte.
Einige Tage danach haben wir Chrissi zurück nach Deutschland zu „ihrem“ Team nach Tübingen geschickt. Ein schwieriger Abschied, aber mit großen Erfolgschancen: Ehemaliger Arbeitgeber, eigener OP, eigene Kollegen. Wir haben das Vitamin B genutzt, das eine langjährige Anstellung dort ermöglicht hatte. Vitamin B (Beziehung) – in Spanisch wird das übersetzt mit: „den Taktstock (des Dirigenten) zu haben“. Chrissi hat die wohl beste Behandlung erfahren, die man sich so zusammenreimen kann, in übermenschlicher Geschwindigkeit. Eine Klinik übertrifft sich selbst. Und Chrissi wurde da hindurch geschleust. Allein. Untergebracht bei lieben Freunden und Geschwistern in wärmender Gesellschaft.

Wir (die Jungs, Salo und ich) blieben zurück. Einen Monat Fernbeziehung in Extremsituation. Nach drei Wochen brach es aus den Kindern heraus: Sie vermissen ihre Mama. Der Papa auch. Eine tränenreiche Veranstaltung...

Währenddessen hatten wir entschieden in Deutschland die Biopsie zu wiederholen. Erneut wurde Gewebe mit einer Hohlnadel zu Tage gefördert. Ein Labortest ergab erneut: Bösartig. Wir wollten das machen, weil wir uns sonst komisch vorkamen. Wir hatten um Heilung gebetet. Viele andere auch. Ein OP-Termin wurde in Windeseile angesetzt. Irgendwo hineingeschoben, weil es schnell gehen musste. Und das nicht nur, weil Chrissi nur 30 Tage das Land verlassen durfte, wegen dem noch laufenden Visa-Prozess, der ansonsten annulliert werden würde.

„Mastektomie“ heißt es in der Fachsprache: Entfernung der Brust. Gefährliche Zellen müssen gehen. Gnädig: Auch auf die Gefahr einer späteren Abstoßungsreaktion hin, wurde ein Implantat eingesetzt. 50 % Behinderung (inkl. Ausweis) innerhalb vier rasanter Wochen nach der Diagnose. Ein Einschnitt in die Psyche einer Frau. Es war schwer, durch viel Liebe und Blumenbringdienst dem plötzlich schwankenden Selbstwert wieder aufzuhelfen.

Während der OP zusätzlich entnommene Lymphknoten gaben Auskunft und wenig Hoffnung auf einen kleinen Frühstadium-Fund. Scheinbar hatte das wenige Millimeter große Ungetüm von Krebs bereits seine Boten entsandt. Metastasen-Gefahr durch abgewanderte Zellen, die zwei weitere Karzinome in den Lymphknoten hatten wachsen lassen. In einer darauffolgenden OP wurden eine Menge weiterer Lymphknoten entfernt, jedoch waren keine weiteren befallen. Ein kleiner Lichtblick. Immer mit in der Klinik: Geschwister, Schwägerinnen, Freunde, die Hände hielten und Mut machten. (Danke!) Wir in Cusco ließen unseren Tagesablauf weiterlaufen. Tagsüber hatte ich Einzelunterricht, nachts unsere 2x2 m Matratze für mich allein. Nicht erstrebenswert. Nur eine Handvoll Tage später kam Chrissi dann mit Spezial-Equipment als Drainagesystem und Spezialpapieren dazu zurück (in Spanisch vom Chile-Missions-Hausarzt um die Ecke). Gerade so vor Weihnachten. Ein großer Tag! 29 Tage hatte es gedauert und die kleine Plastikkarte der dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung in Peru war Chrissi danach sicher. Der nette Mensch vom selbstlosen Reisebüro hatte einen kostenlosen Rollstuhlfahrerservice in Erfahrung gebracht und buchte entsprechend um. Full-Service für eine angeschlagene Frau. Das war schnell vergessen, als die Ehefrau und Mama aus der Gepäckhalle in Cusco kam. Daheim hingen Willkommens-Schilder und Luftballons. Es gab Kuchen und viele schmerzhafte Umarmungen.

Die Narben verheilten langsam, aber die Empfehlung der Chemotherapie blieb. Über Weihnachten haben wir ein wenig Urlaub gemacht. Uns zurückgezogen in die Residencias am Hospital. Alle Newsletter-Empfänger hatten das hier erhalten. Ein vereinter Zustand mit tickender Zeitbombe. Nach einigen Tagen im neuen Jahr war klar: Wir mussten „heim“. Wo war das überhaupt? – so ganz klar ist das nicht mehr. Das Heim ist da, wo die Familie ist. Heimat ist nochmal woanders. Wir planten in Richtung Deutschland und es taten sich alle Türen auf. Wir bekamen das Gefühl, alles war vorbereitet. Gleicher Kindergarten für Emanuel, gleiche Schule, (in die er vergangenen Herbst gekommen wäre), für Johannes. Paralysierte Eltern, die sich frühzeitig von der Sprachschule abmelden mussten, um erneut auszureisen. Eine engagierte Salo, die schon wieder beim Packen half. Diesmal noch weniger Koffer. Weniger ist mehr. Zahnbürste, Deo, drei Pullover. Lieblingsspielzeug der Kinder. Eine Reihe Papiere. Was genau braucht das Leben? Katalog-Einrichtung der schwedischen Vier-Buchstaben-Firma, bloß ohne Möbel und in Koffern.

Wie auch immer das zustande kam, wir wurden mit süddeutschen Brezeln und von lieben Menschen empfangen und in eine Ferienwohnung verfrachtet. Unser eigenes Auto war seit September immer noch nicht verkauft worden. Eigentlich super, wir waren sofort mobil. Wir versuchten, das Gute an der Situation zu sehen und vieles war auch gut. Wir konnten nach kürzester Zeit dann in ein ehemaliges Pfarrhaus ziehen. Einen Ort weiter, aber ideal für eine Familie mit wenig Ansprüchen. Gigantischer Garten, Garagenzufahrt, Terrasse, reichlich Platz und Vermieter, die mit sich wohlwollend um den Preis handeln ließen. Und reichlich tiefsinnige Hinweise von und auf die kurz zuvor verstorbene Tante Dora, die ihre ureigene gläubige Art mit viel Liebe im Haus hinterlassen hat.

Als ebenso Band-Musiker freue ich mich besonders über das hauseigene Klavier. Seit unserer Ausreise im September hatte ich keine Taste mehr berührt und mein letztes eigenes Instrument ebenso an einen Pfarrer verkauft.
Wir können nicht klagen. Oder doch? Überall hieß die Begrüßung „Schön und doch nicht schön, dass ihr da seid“. Ein gewisser Widerwille war jeden Tag dabei.

Eine onkologische Aufklärung für ein gefährliches Medikament, eine OP für einen „Port“ – eine Art praktischer Anschluss – mit einem Schlauch durch eine Vene direkt ins Herz. Dorthin sollte das seltsame Gift geleitet werden. Vor einer Woche ist das zum ersten Mal passiert. Mit viel Respekt und bei blassem Gesicht. Ich habe mir einen unglücklichen Grippe-Keim eingefangen und darf seit einer Woche nicht zu Hause sein. Zeit genug, um einige Aufgaben und Listen in Ordnung zu bringen. Zu Hause wird notfalls rund um die Uhr von flinken und fleißigen „Mädels“ alles versorgt, was sich bewegt. Dank einer „Freundin der Arbeit“ bei unserer Krankenversicherung und einem netten Herren beim Jugendamt. Lieben Dank, ihr Steuerzahler! Danke für 19 % von jedem Einkaufswagen. Wir können das brauchen. Danke auch für viele Post. Digital und altmodisch – wir haben vielleicht noch nicht geantwortet aus Zeit- oder Wortnot, aber es ist gigantisch, wie wir uns bedacht und um-/versorgt wissen dürfen.

Danke für Spender, die keine Not damit haben, dass wir gerade nicht eine Wohnung in der Nähe des Hospitals einrichten und am 01.03. leider noch nicht in unseren Hilfsdienst einsteigen können. Liebe Kollegen aus OP und Technik: Necesitamos un poco tiempo – Wir brauchen etwas Zeit. Aber der Plan steht. Wir kommen wieder nach Peru: So Gott will, so bald wie möglich. Danke für jedes Gebet. Wir haben es nötig. Wir brauchen Weisheit, Gesundheit und Geduld.

Fortsetzung folgt...

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